Möbeldesign, Handwerk und Kunst. Eine Begegnung mit Ismael Huber und Samuel Kuhlmann in ihrer Schreinerei in Sonceboz, dem Ort, wo Späne fliegen, Farben tanzen, Ideen sprühen und das Herz höher schlägt.

Klirrende Kälte – Ismael Huber begegnet mir mit grossen Holzscheiten auf den Armen und legt eines in den Ofen. «Du willst zum Thema Leidenschaft etwas wissen. Ganz einfach: Zuerst müssen wir leiden, bevor wir schaffen, brrr ...», meint er lachend. Samuel Kuhlmann legt ein zweites Scheit nach und schmunzelt: «Jetzt bekommst du einen ersten Eindruck, wie wir das Holz am schnellsten verarbeiten!» Mit klammen Händen und starrem Holz könne man nicht arbeiten. Sogar der Leim friere ein. Wir wärmen uns an heissem Kaffee, der die Lebensgeister weckt. 

«Ganz einfach: Zuerst müssen wir leiden, bevor wir schaffen.»

«Hier, wo wir jetzt sitzen, war früher ein vermodertes Loch – um es mal schön auszudrücken», sagt Ismael. «Nun ist es unser gemütlicher Rückzugsort geworden. Hier kocht immer 
einer von uns das Mittagessen auf dem Herdfeuer, hier empfangen wir Kunden, erledigen Administratives, geniessen ein Powernäppchen und brüten Ideen aus.» Die Wärme des Feuers hüllt uns langsam ein, mir ist wohl in diesem einfachen Raum mit Küche, grossem Tisch, Stühlen, einem lässig roten Sofa, vielen Fotografien, Zetteln mit Gekritzel – und hinreissenden Kunstobjekten, die spontan hingestellt einfach selbstverständlich zu Alltagsgegenständen in der Werkstatt geworden sind. So etwa das Rednerpult, der wunderbare Kubus aus dunklem Holz auf langen dünnen Eisenfüssen, man kann ihn öffnen, den Wunderwürfel. Er ist kombiniert mit zarter Malerei, sie wirkt fast afrikanisch, lässt Metall und Holz zur Einheit werden. «Stellst du ihn in eine Garderobe, kannst du Mütze und Handschuhe darin versorgen. Hältst du eine Rede, haben deine Unterlagen darin Platz», erklärt Samuel, der zuerst die Ausbildung zum Kunstmaler gemacht hat und nun als gelernter Schreiner den Objekten Farbe gibt, sie einzigartig aufleuchten lässt. «Eine Superwerkstatt!» Ismael strahlt. «Ein Ort, so richtig zum Arbeiten gemacht, Tag und Nacht können wir fuhrwerken, uns austoben. Die Vermieter sind offen für alles», erzählt der 31-Jährige. «Es war schon vorher eine Schreinerei und Zimmerei. Dort, wo früher die Zimmerei war, haben wir heute den staubigen, lärmigen Maschinenraum. Damals hat man viel draussen gearbeitet, du kannst den Raum öffnen.»


«Unsere Art von Kreativität braucht viel Raum für Nonsens und Spinnerei.»

«Entweder sind wir hier am Erschaffen von Möbeln oder auf Baustellen am Bödenlegen, Terrassenmachen oder ...» Ismael zeigt mir eine Holzplatte in hellstrahlender grüner Farbe. «Der Überrest unseres letzten Auftrags: Eine Küche, die dir den Frühling ins Haus zaubert.» Seit gut einem Jahr unterstützt Roberto Toma die beiden als freier Mitarbeiter – ein Glücksfall. «Er macht tolle Illustrationen, bringt neue Ideen, ist sehr belebend, hilft und ergänzt, wo er kann, und – last, but not least – er kocht die weltbesten Spaghetti», schwärmen sie. «Unsere Art von Kreativität braucht viel Raum für Nonsens und Spinnerei. Wir haben unsere Grob-Ideen, tüfteln und merken dann, wie sich beim Ausprobieren die Ideen verändern und formen. Man würde an vielem vorbeigehen, wenn man auf seine Ideen fixiert wäre. So viele Möglichkeiten eröffnen sich spontan. Wenn du dafür offen bist, kannst du unendlich Spass haben», erzählt Ismael.

«Wir schlagen immer wieder neue Wege ein und kommen an einem völlig andern Ort heraus, als wir es erwartet haben. So können wir uns stets staunend selber überraschen», ergänzt Samuel. «Und wenn die Ideen nicht kommen, stehe ich unter die Dusche, dann rauschen sie heran!» Auf meine Frage, wie sie auf die Idee gekommen sind, zusammen eine Firma zu gründen, leuchten die Augen der beiden und sie erzählen die Geschichte vom federleichten Granittisch, vor zehn Jahren, als es sie noch gar nicht gegeben hat. Sie grinsen einander an. Samuel beginnt: «Wir haben damals nicht nur den Grundstein gelegt, sondern darüber hinaus auch noch unser eigenes Sprungbrett erschaffen. Beides völlig arglos – eine symbolträchtige Geschichte, die eigentlich schon fast alles über uns sagt.» «Ich habe Samuel in Freiburg im Breisgau besucht», erzählt Ismael. «Er hat dort seine Schreinerausbildung absolviert. Eines Abends – damals hat das Abenteuer seinen Anfang genommen – hatten wir die Idee, zusammen einen Tisch zu bauen. Ein Granitblock mit einem Brett, das auf einer Seite herausragt, eben wie ein Sprungbrett. Wir erzählten es meinem Vater, Gianni. Bei ihm begann vier Wochen später eine Ausstellung in der Gewölbegalerie in Biel und er wünschte sich, ja er insistierte eigentlich, dass dieser Tisch dort ausgestellt wird.» So sind die beiden ins Maggiatal gereist, haben sich Granitblöcke angeschaut und einen der kleinsten ausgewählt – «einen Kieselstein von einer Tonne», wie sie witzelnd schildern. Ja, tatsächlich, er habe wie ein Kieselstein gewirkt in der Umgebung dieser gigantischen Riesen. Wie findet dieser Steinblock nach Biel? Ist der Boden der Galerie stabil genug? Fragen, An- und Herausforderungen, schlaflose Nächte. Doch der Stein war rechtzeitig am rechten Ort, der Boden hielt. Ein Edelkastanienbrett aus dem Elsass wurde zum Sprungbrett beziehungsweise zur Tischplatte. Auch da ein Fiebern: Funktioniert es, funktioniert es nicht? Wie ist es mit dem Hebelgesetz? «Es war ein mutiger, gewagter Schritt», meint Ismael. «Aber – es hat geklappt und gut ausgesehen! Schau mal die Foto!» Ich bewundere diesen Schwung, diese Leichtigkeit. Schlicht grossartig. «Auch da: Ismael und ich haben ins Blaue hinaus fantasiert. Es ist das Schönste, wenn du keinen Ansprüchen genügen, nichts müssen musst, aber spinnen darfst. Das ist unsere beste Sprungfeder.» Die Sprungkraft des Brettes war gross – es hat sie in ungeahnten Weiten landen lassen. Heute sind HuberKuhlmann für Ausstellungen über die Landesgrenze hinaus gefragt. Letztes Jahr zum Beispiel haben sie in der Galleria Zia Maria in Berlin ausgestellt, wo sie unter dem Titel farbig freudig frisch aufgetischt ihre Werke zeigen konnten.


«Es ist das Schönste, wenn du keinen Ansprüchen genügen, nichts müssen musst, aber spinnen darfst.»

Gianni Vasari, Kunstschaffender aus Biel, Vater von Ismael und Ausbildner zum Kunstmaler und Bildhauer von Samuel, war der grosse Inspirator. Am Anfang hat er den Möbeln Farbe gegeben – und was für eine! Einzigartige Kombinationen aus Holz und Gemälden sind entstanden: Tische mit eingelegten Bildern, Stühle und Schemel in fröhlichen Farben, atemberaubend. Fahrbar, eine Bar auf Rädern: ein wunderprächtiges Tischblatt, darunter ein Möbel mit leuchtend farbigen Holzschubladen. Die Schubladen wirken, als wären Öffnen und Schliessen mit einem Kraftakt verbunden. Doch nein, sie gleiten seidig fein auf und zu. «Am Anfang haben wir sehr viel zusammengearbeitet», erzählt Samuel. «Gianni war das Trittbrett, die Inspirationsquelle. Er half Verbindungen schaffen, Brücken bauen. Das war eine gegenseitige Freude. Gianni hat mich befreit von Vorstellungen, hat Grenzen gesprengt. Er hat mir Selbstvertrauen geschenkt, ich habe heute den Mut, auch grosse Flächen zu bemalen. Das Gespür für Farben ist gewachsen.» Samuel malt als Kunstmaler Bilder und nun in der Schreinerei in der Nachfolge von Gianni Vasari die Möbel – verspielt, überraschend. Man hat den Eindruck, dass er das Holz nicht bemalt, sondern mit ihm spielt, wenn er zu Pinsel und Farbe greift. So sind Schreinerei und Malerei integriert in der Firma HuberKuhlmann. Gianni bleibt strahlendes Vorbild. «Wir werden auch ausgelacht.» Ismael kichert. «Ob das überhaupt unter Schreinerei läuft, was wir da machen! – Solche Bemerkungen freuen uns, sie zeigen, dass wir es geschafft haben, auszubrechen aus dem Schreinerdenken. Wir haben das Ziel erreicht, es funktioniert!» «Wir arbeiten mit allen Sorten von Schweizer Hölzern», erklärt Samuel. «Das Holz von ein und derselben Gattung kann extrem verschieden sein, je nach Feuchtigkeit des Gebietes, Nährstoffen des Bodens etc. Wenn wir das Holz vom Bauern beziehen, haben wir persönlich die grösste Beziehung dazu. Du kannst dann auch fragen, woher das Holz kommt. Klar, der Aufwand ist grösser, weil wir dann in die Sägerei gehen, um Bretter zu schneiden. Dann musst du sie zwei Jahre lagern. Aber die Befriedigung ist trotzdem grösser. Obwohl da auch viel Ausschuss dabei ist, den wir dann als Brennholz verfeuern. Beim Holzhändler bekommst du genau das, was du bestellst, es ist auch bereits gelagert.» HuberKuhlmann arbeiten hauptsächlich mit einer Sägerei aus Huttwil zusammen. Welches Holz sie besonders lieben? «Eigentlich jedes», meint Samuel, «jedes hat seinen eigenen Charakter, was einen Teil der Faszination unseres Berufs ausmacht. Schau dir mal diesen Stuhl an: Ulme!» Der 35-Jährige lächelt. «Ein wunderschönes Holz, auch zum Verarbeiten. Linde stinkt, wenn du sie sägst, pfui, das ist echt übel!» Ja, in dieser Schreinerei hier in Sonceboz wird nicht nur mit aussergewöhnlichem Ideenreichtum, Holz, Säge, Hobel und Farbe gearbeitet, sondern auch mit extrem viel Herzblut. Die beiden sind aus gutem Holz geschnitzt, das spürt man sofort. Die Resonanz erlebt man in ihren beflügelnden Werken. Ihre Begeisterung am Kreieren ist ansteckend. Und was vielleicht am meisten verblüfft: Sie zwingen dem Holz nicht ihre eigene Vorstellung auf, sondern scheinen ihm zu seiner Vollendung zu verhelfen, indem sie erkennen, was die gegebene Faser verlangt. Vielleicht so, wie sie sich selber keinen Zwang auferlegen, sondern aus dem Faserverlauf des eigenen Herzens heraus erschaffen. So finden Handwerk und Kunst in eine Einheit, die packt und betört. Die anfänglich kalte Raumtemperatur ist der Hitze gewichen, das Feuer glüht, Funken springen – voller Wärme reise ich heim.

Text von Anita Wysser, erschienen im Buch "leidenschaftlich" (leidenschaftliche Menschen im Porträt) von Dölf Ehrler 
ISBN/GTIN     978-3-9524842-1-0
Produktart     Buch
Einbandart     Paperback
Verlag     Müsigricht Verlag
Erscheinungsjahr     2018
Erscheinungsdatum     01.07.2018
Seiten     118 Seiten

Herzlichen Dank an Anita Wysser und Dölf Ehrler